Mag. Daniela Arnold – Zusammenhänge erkennen, damit Entwicklung möglich wird
Von der Wirtschaft und frühen künstlichen Intelligenz zum vernetzten Blick auf Lernen und Entwicklung
Mein beruflicher Weg verlief nicht geradlinig – und vielleicht ist gerade das heute eine meiner größten Stärken. Denn lange bevor ich mich mit frühkindlichen Reflexen, sensorischer Integration, Lesen oder Lernproblemen beschäftigte, lernte ich, komplexe Systeme zu analysieren, Zusammenhänge zu erkennen und aus vielen einzelnen Informationen einen sinnvollen Lösungsweg zu entwickeln.
Nach meinem Wirtschaftsstudium arbeitete ich in der Projektleitung von IT-Projekten. Bereits 1990 war ich an einem für die damalige Zeit außergewöhnlich zukunftsweisenden Projekt beteiligt: Unter meiner Projektleitung entstand in einer österreichischen Bank eines der ersten produktiv eingesetzten KI-Beratungstools. Es unterstützte die Beratung bei Förderungen und Privatkrediten rund um den Hausbau.
Künstliche Intelligenz war damals noch weit vom heutigen Alltag entfernt. Das System musste unterschiedliche Voraussetzungen, Richtlinien, finanzielle Möglichkeiten und individuelle Situationen miteinander verknüpfen, um daraus passende Lösungswege abzuleiten. Diese Erfahrung prägte meine Art zu denken: Nicht eine einzelne Information führt zu einer guten Entscheidung, sondern das Erkennen der Beziehungen zwischen vielen Einflussfaktoren.
Genau dieses vernetzte Denken begleitet mich bis heute – inzwischen jedoch in einem ganz anderen Bereich.
Drei Kinder und der Wunsch, beruflich neue Wege zu gehen
Mit der Geburt meiner drei Kinder wurde ein Wunsch immer stärker, der mich schon lange begleitet hatte: Ich wollte mit Kindern arbeiten und besser verstehen, warum Entwicklung manchmal scheinbar mühelos verläuft und an anderen Stellen ins Stocken gerät.
Als Mutter erlebte ich, wie unterschiedlich Kinder sein können – in ihrer Wahrnehmung, ihrer Motorik, ihrem Lernverhalten, ihren Bedürfnissen und in der Art, wie sie auf ihre Umwelt reagieren. Ich sah, dass Intelligenz allein nicht darüber entscheidet, ob ein Kind in der Schule sein Potenzial zeigen kann. Manche Kinder verstehen sehr viel und bemühen sich enorm – trotzdem bleiben Lesen, Schreiben, Rechnen, Konzentration oder das ruhige Sitzen anstrengend.
Diese Beobachtungen ließen mich nicht mehr los. Neben meiner Familie begann ich, mich beruflich neu zu orientieren. Was zunächst aus einem persönlichen Interesse und dem Wunsch entstand, die Entwicklung meiner eigenen Kinder besser zu verstehen, wurde Schritt für Schritt zu meiner neuen beruflichen Aufgabe.
Persönliche Erfahrungen, die meinen Blick geprägt haben
Einer meiner Söhne ist hochbegabt und hatte gleichzeitig deutliche sensomotorische Herausforderungen. Er sah zeitweise Doppelbilder, reagierte sehr empfindlich auf Licht und Geräusche und hatte Schwierigkeiten mit noch aktiven frühkindlichen Reflexmustern. Selbst das Fahrradfahrenlernen war dadurch deutlich erschwert.
Diese Erfahrung zeigte mir sehr klar: Intelligenz und sensomotorische Entwicklung sind unterschiedliche Ebenen. Ein Kind kann außergewöhnlich schnell denken und komplexe Zusammenhänge erfassen – und dennoch Schwierigkeiten mit Gleichgewicht, Blicksteuerung, Wahrnehmungsverarbeitung oder Bewegungskoordination haben. Gemeinsam konnten wir diese Herausforderungen Schritt für Schritt und nachhaltig in den Griff bekommen.
Auch die Begleitung erwachsener Familienmitglieder hat meinen Blick erweitert. Meine Mutter erkrankte an Demenz und entwickelte Symptome eines Gerstmann-Syndroms. Die Alkohol- und spätere Medikamentenabhängigkeit meiner Schwiegermutter ließ mich viel über Suchterkrankungen, familiäre Dynamiken und die Grenzen der Unterstützung durch Angehörige lernen. Seit mehr als 30 Jahren begleite ich außerdem meinen Mann im Umgang mit einer chronischen Lebererkrankung.
Diese Erfahrungen waren oft herausfordernd. Sie lehrten mich aber, genauer hinzusehen, Symptome nicht isoliert zu betrachten und auch die Lebensgeschichte sowie die Belastungen der Angehörigen wahrzunehmen. Der Mensch besteht nicht aus einzelnen Fachgebieten. Körper, Gehirn, Gefühle, Beziehungen und Umwelt beeinflussen einander.
Der Einstieg in die Welt der Wahrnehmung und Bewegung
Ich absolvierte die Ausbildung zur SI-Mototherapeutin und zur B.A.S.I.S.-Lerntrainerin. Damit öffnete sich für mich ein neuer Blick auf Lernen und Verhalten.
Ich begann zu verstehen, wie eng Bewegung, Wahrnehmung, Gleichgewicht, Körpergefühl, Blicksteuerung und Aufmerksamkeit miteinander verbunden sind. Ein Kind lernt nicht nur mit dem Kopf. Lernen baut auf körperlichen und sensorischen Grundlagen auf, die sich bereits in den ersten Lebensjahren entwickeln.
Wenn ein Kind beim Lesen immer wieder die Zeile verliert, Buchstaben verwechselt, den Kopf schief hält, schnell ermüdet oder trotz intensiven Übens kaum Fortschritte macht, muss das nicht allein an mangelnder Übung liegen. Auch die Zusammenarbeit der Augen, die Verarbeitung gehörter Informationen, das Gleichgewicht, frühkindliche Reflexmuster, die Körperhaltung oder eine hohe Stressbelastung können eine Rolle spielen.
Je mehr ich lernte, desto deutlicher wurde mir: Ähnliche Auffälligkeiten können ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Deshalb braucht jedes Kind einen individuellen Blick.
Lernen über Grenzen hinweg
Auf der Suche nach wirksamen und praxistauglichen Ansätzen führte mich mein Weg auch in die USA. Zweimal verbrachte ich jeweils eine Woche bei Svea Gold und vertiefte dort mein Wissen und meine praktischen Erfahrungen. Svea war seit den 1970er-Jahren im Bereich der Integration frühkindlicher Reflexe tätig, stand im Austausch mit vielen internationalen Fachleuten und lehrte mich, über einzelne Symptome und Methoden hinauszudenken.
Besonders prägend war außerdem eine SMART-Fortbildung in Minnesota. Das amerikanische SMART-Programm verband gezielte Bewegungserfahrungen mit wichtigen Grundlagen des schulischen Lernens. In einer Schule konnte ich erleben, wie sensomotorische Übungen selbstverständlich in den Alltag integriert wurden.
Diese Erfahrungen bestätigten mich darin, Bewegung nicht als bloße Unterbrechung des Lernens zu verstehen. Bewegung kann Voraussetzungen schaffen, die Kinder für Aufmerksamkeit, Koordination, Blicksteuerung, räumliche Orientierung und erfolgreiches Lernen benötigen.
Zurück in Österreich wollte ich dieses Wissen nicht einfach übernehmen, sondern an die Gegebenheiten unserer Schulen und an die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder anpassen.
Aus praktischen Erfahrungen entsteht SIMMO®
Angeregt durch meine Erfahrungen in Minnesota entwickelte ich zunächst ein Bewegungsprogramm, das in 13 Volksschulklassen im Raum Neulengbach eingesetzt wurde. Die Rückmeldungen der Pädagoginnen und die Beobachtungen aus dem Schulalltag flossen in die weitere Entwicklung ein.
Besonders berührt hat mich, dass manche Kinder die Übungen freiwillig auch zu Hause machten – nicht, weil Erwachsene sie dazu aufgefordert hatten, sondern weil sie selbst bemerkten, dass ihnen danach beispielsweise die Hausübung leichter fiel.
Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich später SIMMO® – „Sinne, Mind und Motorik“. Das sensomotorische Übungsprogramm verbindet Bewegung gezielt mit jenen körperlichen und sensorischen Grundlagen, die für Lernen, Konzentration, Koordination und situationsangepasstes Verhalten bedeutsam sein können.
Von 2014 bis 2016 wurde SIMMO® im zweijährigen Schulprojekt „SIMMO – Lesen kommt in Bewegung“ mit 274 Kindern in 13 Klassen der Volksschule Sacré Coeur Pressbaum praktisch erprobt. Die Ergebnisse wurden statistisch ausgewertet und 2017 bei der internationalen Movementis-Konferenz in Oxford präsentiert.
Für mich war dieses Projekt ein wichtiger Meilenstein: Aus vielen Jahren praktischer Arbeit war ein strukturiertes Programm entstanden, das von Pädagoginnen im Schulalltag umgesetzt werden konnte und Kinder mit Freude in Bewegung brachte.
Mehr als 20 Jahre Erfahrung – und die Bereitschaft, immer weiterzulernen
Seit mehr als 20 Jahren begleite ich Kinder mit Lern-, Konzentrations-, Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten. In dieser Zeit habe ich erlebt, dass es selten die eine Ursache und ebenso selten die eine Übung gibt, die für jedes Kind passt.
Deshalb habe ich mich laufend fortgebildet – nicht nur in großen Ausbildungen, sondern auch in zahlreichen kleineren, spezialisierten Fortbildungen. Frühkindliche Reflexe, Motorik, Koordination, Gleichgewicht, Propriozeption, zentrales Sehen und Hören, sensorische Integration, Stressregulation, Schlaf und die Zusammenhänge zwischen Körper und Lernen wurden zu wichtigen Schwerpunkten meiner Arbeit.
Mit wachsender Erfahrung kamen weitere Fragen hinzu: Hat das Gehirn ausreichend Energie, um aufmerksam zu arbeiten? Welche Rolle spielen Mikronährstoffe und das Mikrobiom? Wie wirken anhaltender Stress oder Schlafmangel? Können Spannungen im Bereich von Atlas, Halswirbelsäule, Kiefer oder Faszien Wahrnehmung und Bewegung beeinflussen? Welche Belastungen erlebt das Kind in seinem familiären oder schulischen Umfeld?
Nicht jeder dieser Bereiche ist bei jedem Menschen bedeutsam. Aber jeder kann ein Teil des individuellen Gesamtbildes sein.
Diese Haltung ist mir wichtig: Vernetztes Arbeiten bedeutet nicht, alles selbst behandeln zu wollen. Es bedeutet, genauer hinzusehen, Zusammenhänge zu erkennen, die eigene fachliche Expertise gezielt zu ergänzen und zu wissen, wann andere Fachrichtungen einbezogen werden sollten.
Bücher, Programme und Werkzeuge für die Praxis
Mein Wissen und meine praktischen Erfahrungen gebe ich seit vielen Jahren in Fortbildungen, Vorträgen, Programmen und Büchern weiter.
In meinem Buch „Herausforderung Schule“ beschäftigte ich mich bereits früh mit der Frage, was Bewegung mit erfolgreichem Lernen zu tun hat. Die erste Auflage erschien 2009 und eine überarbeitete Fassung 2017.
Mit „Talente bewegen – SIMMO®“ entstand ein umfangreiches Praxisbuch zu meinem sensomotorischen Übungsprogramm. Es zeigt, wie Bewegung, Wahrnehmung und Lernen miteinander verbunden werden können – bei Kindern, Jugendlichen und inzwischen auch bei Erwachsenen und älteren Menschen.
Mein Buch „Wegweiser zum Leseerfolg“ erweitert diesen Blick. Es betrachtet Lesen nicht als isolierte schulische Fähigkeit, sondern als komplexe Leistung, an der unter anderem Blicksteuerung, Hörverarbeitung, Gleichgewicht, Motorik, Stressregulation, Energieversorgung und emotionale Erfahrungen beteiligt sein können.
Mit LEAMOS entwickelte ich zudem eine digitale Anwendung, die Kinder beim Aufbau des Sichtwortschatzes, beim genauen Hinschauen und auf dem Weg zu mehr Lesesicherheit unterstützt.
BALLSA verbindet Rhythmus, Koordination, Gleichgewicht und Auge-Hand-Koordination. Das Üben mit Bällen und Sandsäckchen ermöglicht vielfältige Aufgaben – allein, zu zweit oder in der Gruppe, für unterschiedliche Altersstufen und auch im Sitzen.
All diese Entwicklungen haben einen gemeinsamen Kern: Menschen sollen ihre Fähigkeiten nicht nur trainieren, sondern bessere Voraussetzungen erhalten, damit vorhandene Potenziale sichtbar werden können.
Neuro‑Vitality® – viele Beobachtungen, ein vernetztes Gesamtbild
Aus meiner langjährigen Praxis, der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Fachrichtungen und dem kontinuierlichen Austausch mit meiner Kollegin Sonja Lamers-Reepel entstand Neuro‑Vitality®.
Die interdisziplinäre Fortbildung richtet sich an Fachkräfte aus Pädagogik, Therapie, Lernbegleitung, Psychologie und Medizin sowie an weitere Berufsgruppen, die Menschen in ihrer Entwicklung begleiten.
Neuro‑Vitality® verbindet unterschiedliche Themenfelder: frühkindliche Reflexe, Motorik und Koordination, zentrales Sehen und Hören, Gleichgewicht, Körperwahrnehmung, Stressregulation, Schlaf, Atmung, Mikrobiom, Mikronährstoffe, Atlas, Halswirbelsäule, Faszien sowie emotionale und familiäre Einflüsse.
Im Mittelpunkt steht nicht die Erwartung, dass eine Fachperson künftig alles selbst können oder behandeln soll. Entscheidend ist die Fähigkeit, über die Grenzen des eigenen Fachbereichs hinauszudenken, mögliche Wechselwirkungen zu erkennen und daraus einen klareren roten Faden für die weitere Begleitung zu entwickeln.
Meine Haltung
Ich bin überzeugt, dass Kinder und Erwachsene nicht vorschnell auf ihre Schwierigkeiten reduziert werden dürfen.
Wenn Förderung trotz großen Einsatzes wenig verändert, bedeutet das nicht automatisch, dass zu wenig geübt wurde oder der betreffende Mensch nicht ausreichend motiviert ist. Vielleicht fehlt noch ein wichtiger Blickwinkel. Vielleicht arbeitet ein Sinnesbereich nicht zuverlässig mit einem anderen zusammen. Vielleicht verbraucht der Körper zu viel Energie für Haltung, Gleichgewicht oder Stressregulation. Vielleicht braucht es eine andere Reihenfolge oder die Unterstützung einer weiteren Fachrichtung.
Mein beruflicher Weg begann mit Wirtschaft, IT und der Analyse komplexer Entscheidungssysteme. Heute beschäftige ich mich mit dem vielleicht komplexesten System überhaupt: dem Menschen.
Geblieben ist die zentrale Frage:
Wie hängen die einzelnen Informationen zusammen – und welcher nächste Schritt kann wirklich weiterhelfen?
Dafür steht meine Arbeit: genau hinsehen, vernetzt denken, Menschen wertschätzen und Entwicklung wieder möglich machen.